Bemerkenswert ist zunächst, dass gerade im Zimmer sich nun der Blick weitet auf die umgebende Landschaft, das ländliche Leben um die Stadt: "Fern im Acker Sensen mähen". Waren Klänge und Bewegungen im Gedicht "Die schöne Stadt" kulturell bestimmt, von Menschen geprägt, so kommen hier Naturphänomene in den Blick und ins Ohr. "Und ein Schwarm von Mücken schwingt", "Schwalben irre Zeichen ziehen", "Flammen flackern in den Beeten", "Und ein altes Wasser singt".


Lediglich in der ersten und in der letzten Strophe dominiert der Innenraum. Vor allem die letzte Strophe (von fünf) kann als Wende nach innen und darin dann in das weiteste Außen, zu den Sternen, gelesen werden. "Weihrauch", "Glas" und "Truh" sind kulturelle Produkte, ihnen korrespondiert die "heiße Stirne", Körper als Kulturprodukt, die sich den Sternen zuwendet.

(H. Schönherr)




Der Text "In einem verlassenen Zimmer" sollte gemeinsam gelesen werden mit dem in der Sammlung "Gedichte" vorausgehenden Text "Die schöne Stadt". Mehrere Motive wiederholen sich, insbesondere in der ersten Strophe, mit Orgelklängen und Blumenfenster.

Die schöne Stadt


Alte Plätze sonnig schweigen.

Tief in Blau und Gold versponnen

Traumhaft hasten sanfte Nonnen

Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen

Schaun des Todes reine Bilder,

Großer Fürsten schöne Schilder.

Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen.

Blütenkrallen drohn aus Bäumen.

Knaben spielen wirr von Träumen

Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,

Schauen scheu ins farbige Leben.

Ihre feuchten Lippen beben

Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,

Marschtakt hallt und Wacherufen.

Fremde lauschen auf den Stufen.

Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.

Durch der Gärten Blätterrahmen

Schwirrt das Lachen schöner Damen.

Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern

Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.

Silbern flimmern müde Lider

Durch die Blumen an den Fenstern.