Herbstseele

Jägerruf und Blutgebell,

Hinter Kreuz und braunem Hügel

Blindet sacht der Weiherspiegel.

Schreit der Habicht hart und hell.


Über Stoppelfeld und Pfad

Banget schon ein schwarzes Schweigen;

Reiner Himmel in den Zweigen;

Nur der Bach rinnt still und stad.


Bald entgleitet Fisch und Wild.

Blaue Seele, dunkles Wandern

Schied uns bald von Lieben, Andern.

Abend wechselt Sinn und Bild.


Rechten Lebens Brot und Wein,

Gott in Deine milden Hände

Legt der Mensch das dunkle Ende,

Alle Schuld und rote Pein.

"Herbst" ist ein zentrales Bild im Traklschen Werk. "Seele" erscheint gleichfalls häufig, etwa in den Titeln "Allerseelen", "Nachtseele", "Seele des Lebens", "Frühling der Seele" und vor allem in den Texten selbst. Bemerkenswert ist, dass Trakl die beiden (neben "Abend") sein Werk prägenden Zeitbestimmungen "Nacht" und "Herbst" in Titelkomposita mit "Seele" gemeinsam einsetzt. "Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden" heißt es in "Frühling der Seele" - daher wohl können Nacht und Herbst als in besonderer Weise der Seele zugehörige Zeiten gelten, Zeiten, in denen das "Fremde" für sich ist, sich zurückzieht.


"Blaue Seele (...) Schied uns bald von Lieben, Andern" heißt es in der dritten Strophe, in der einzigen Passage, die "Seele" im Gedicht selbst nennt. Es ist die als "blau" charakterisierte Seele, die das "Wir" von den Anderen scheidet, ihnen fremd macht. Die Farbe Blau steht hier für einen Zustand der Reinheit und der Absonderung, zugleich für eine Hoffnung, die in diesem Gedicht explizite artikuliert wird, der Hoffnung auf Erlösung von "Schuld und rote(r) Pein" in der Vereinigung mit Gott. Dieser Ton ist selten bei Trakl, zumindest in diesem ungebrochenen Vertrauen auf ein "rechtes Leben".

Der Text entstand August/September 1913, in einer Zeit intensiver persönlicher Kontakte Trakls, im August war er mit Karl Kraus, Adolf Loos und Bessie Bruce in Venedig, im September in Wien unter Freunden. Das war durchaus mit Ängsten verbunden, wie ein Brief vom 14. August bezeugt. Das "dunkle Wandern", aber auch Hoffnung, insbesondere verbunden mit seiner literarischen Arbeit, finden wir in einem Brief von Ende Oktober 1913 an Franz Zeis, mit dem er in Wien zusammen war: "So habe ich diese Wochen zur Arbeit genutzt und es ist einiges entstanden, mit dem ich ein wenig  zufrieden sein kann. Mein Leben wäre ohne diese Stunden des Überströmens und der Freude sonst allzu dunkel."


Und etwas von diesem "Überströmen" finden wir auch in "Herbstseele" wieder. Die letzte Strophe steht weitgehend singulär im Traklschen Werk mit ihrem versöhnlichen Preis der christlichen und zugleich auch antik-heidnisch anmutenden Symbole "Brot und Wein".

(H. Schönherr)