Müssen wir uns eine reale Situation als lyrisch beschrieben - oder doch zumindest der Beschreibung zugrunde liegend - vorstellen? Oder gestaltet Trakl eine vollkommen autonome, seiner Imagination entspringende Situation? Für beides gibt es Argumente. Unabhängig von eine Entscheidung zu dieser Frage ist auffallend, dass die Schilderung merkwürdige Bruchstellen hat, verborgene Risse. So kräht "der Hahn zum letzten" - das erinnert an den Verrat an Christus. Maria ruht in Rosen "weiß und fein", ist damit ein frisches Begräbnis gemeint? Oder die Mutter Christi, die im Rosenkranzgebet angesprochen wird? Ein Bettler "Scheint verstorben im Gebet". Bilder von Todesnähe und Ende, die fragwürdig machen, wie wir uns die heitere, ausdrücklich liebevolle Situation vorstellen sollen, die in den ersten beiden Strophen entworfen wird.


Auf formaler Ebene auffallend sind die Echo-Effekte, die Trakl in jeder Strophe in einer kurzen fünften Zwischenzeile gestaltet hat. Dies gibt dem "Lied" den Charakter eines Wechselgesanges zwischen Pfarrer und Gemeinde. Inhaltlich werden weitere musikalische Ereignisse angesprochen, das Orgelspiel in der zweiten Strophe, das Lied des Engels in der vierten und letzten.

(H. Schönherr)




Der Titel "Geistliches Lied" ist hier Programm. Zahlreiche religiöse Symbole und Elemente erscheinen, "Kreuz", "Orgel", "Brot und Wein", "Rosen Kranz", "Maria", "Gebet", "Engel". Dass es indes nicht nur um konventionelle Religion geht, macht die Einstiegzeile deutlich, dort ist von "Zeichen, seltne(n) Stickerein" die Rede, die ein Blumenbeet male. Unter engen Kriterien mag dies als "heidnisch" interpretiert werden. "Gottes blauer Odem weht", monotheistisch ist dieser Text wohl angelegt, doch dieser "Gott" könnte auch aus Blumenbeeten sprechen. "Blau" wird hier als die zentrale religiös gefasst Farbe bei Trakl deutlich. Ein Vergleich mit "Die Heimkehr" bestätigt dies auch in einem sehr viel späteren Gedicht Trakls, wo wir finden "Blaue Kühle/ Odmet das nächtige Tal,/ Glaube, Hoffnung!"

Der geistlich-religiöse Rahmen schafft Raum für eine dörflich-ländliche Idylle, mit leisen Klängen, Blumen, mähenden Gärtnern. Es könnte Sonntag sein, obgleich Mäharbeiten an einem Sonntag, zumal in Kirchennähe während einer Messe, eher unwahrscheinlich sind.

Aber ein normaler Werktag dürfte es auch nicht sein, denn im Dorf scheint ein Fest im Gange, das Ich des Gedichtes hört "im Dorf sich viele freun".